In diesem Jahr folgen die Kappensitzungen fast nahtlos den Neujahrsempfängen, und die „fünfte Jahreszeit“ beginnt bald. Die Fastnacht war schon immer ein fröhliches Spiel. Sie erlaubt es uns, mit Kostümen und Schminke in andere Rollen zu schlüpfen, Grenzen zu überschreiten, Neues auszuprobieren und die Leichtigkeit des Lebens neu zu spüren.
Ihre tiefere Bedeutung bekommt die Fastnacht jedoch erst im Zusammenhang mit der Fastenzeit, die auf sie folgt. Wer die Fastnacht nur dazu nutzt, um „Dampf abzulassen“ oder über die Stränge zu schlagen, versteht ihren eigentlichen Sinn nicht. Fastnacht ist ein Spiel. Es hebt für kurze Zeit die gewohnte Ordnung auf und zeigt durch Masken und Verkleidungen gesellschaftliche Wahrheiten.
Der Narr auf dem Titelbild passt auf den ersten Blick nicht zu dem fröhlichen Treiben der Fastnacht. Er wirkt nachdenklich und in sich versunken. Er sitzt auf einer eingedrückten und verbeulten Weltkugel. Mit dem Finger vor dem Mund fordert er uns auf, still zu werden und nachzudenken. Er lädt uns ein, uns selbst zu betrachten und die Welt, in der wir leben. Die Welt hungert nach Wahrheit…! Der Narr möchte nicht nur unterhalten. Um wirklich ein Narr zu sein, muss er sowohl den Jungen wie den Alten den Spiegel vor die Augen vorhalten, damit sie erkennen, wie sie wirklich sind. Die Narrenfreiheit erlaubt es ihm, Autoritäten zu kritisieren und auf Fehler hinzuweisen. Auch das ist eine Seite der Fastnacht – wichtiger denn je.
In diesem Punkt steht der Narr dem Propheten nahe. Sein Humor hilft uns, unangenehme Wahrheiten leichter anzunehmen. Wer lachen kann, findet eher den Mut, sich Dinge zu Herzen zu nehmen und etwas zu verändern. Wer Fasnacht feiert, sagt ein herzhaftes „Trotzdem“ zu den Sachen, die ganz und gar nicht zum Lachen sind. Deshalb kann sogar jemand, der Fastnacht nicht mag, diesen Tagen etwas Positives abgewinnen.
In unserem Gottesdienst am Fastnachtssonntag (St. Josef, Bildstock am 15.02. um 09.30 Uhr), den die Musikgruppe St. Josef mitgestaltet, werden Melodien von Evergreens aufgegriffen und mit neuen, geistlichen Texten gesungen. Dies erinnert daran, dass wir Christen aufgefordert sind, neue Formen für die Botschaft des Glaubens zu finden, um die Herzen der Menschen zu erreichen. Die Karnevalsvereine sind zur Teilnahme am Gottesdienst eingeladen und die Kinder ebenso, sich fröhlich zu verkleiden.
Die Fastenzeit oder genauer: die österliche Bußzeit gibt schließlich Gelegenheit zur tieferen Besinnung und Einkehr. Sie ist die Zeit der ungeschminkten Wahrheiten, die bunten Farben sind abgewaschen. Am Aschermittwoch wird ein Kreuz von grauer Asche auf die Stirn aufgetragen – seit alters her ein Zeichen für die menschliche Vergänglichkeit und ein Symbol für Buße und Umkehr. Wir sind aufgefordert, einen Weg der Erneuerung des Herzens zu gehen und uns auf das Osterfest auszurichten. Der bewusste Verzicht soll dabei helfen, einen größeren Gewinn zu erreichen, nämlich ein „Mehr“ an Leben. Auch in dieser Zeit soll nicht alles nur ernst und schwer sein. Im Mittelpunkt steht die befreiende Botschaft von der Auferstehung, und die Freude des Glaubens soll im Alltag sichtbar werden.
Mögen Sie die ausgelassenen Tage in Fröhlichkeit und lebendiger Gemeinschaft verbringen. Zugleich wünsche ich Ihnen, dass die anschließende Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest den Raum schenkt für Besinnung und Vertiefung, um den Grund unseres Lebens und die tragende Freude unseres Glaubens neu und intensiver zu erfahren.
Ihr Gerd Fehrenbach, Diakon

