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Geistliches Wort

Erzengel Raphael und der junge Tobias

Allerseelen – Gott will, dass alle Menschen gerettet werden

Im Sommer musste ich von einer lieben Angehörigen Abschied nehmen. In meiner Trauer beschäftigte mich besonders, dass sie zwar getauft war, sich aber im Laufe ihres Erwachsenenlebens bewusst und dauerhaft vom christlichen Glauben abgewandt hatte.

Beruflich begleite ich mehrere Trauerfälle in der Woche und halte Beerdigungen. Dabei handelt es sich in der Regel um Menschen oder deren Angehörige, die sich für eine Trauerfeier im kirchlichen Kontext entschieden haben. Bei meiner Angehörigen war dies anders: Sie hatte eine Beisetzung ohne Gebet und ohne christliches Ritual festgelegt.

Wie kann ich als Christ diesen Wunsch respektieren und zugleich um einen Menschen trauern, den ich geliebt habe, und ihn oder sie in mein Gebet einschließen?

Diese Frage nach dem Umgang mit einem verstorbenen Menschen, der selbst keinen christlichen Abschied gewünscht hat, ist mir im Laufe des Jahres auch bei Freunden begegnet. Eine große Hilfe in der Trauer waren für uns die jeweils sehr persönlich und liebevoll gestalteten Trauerfeiern und Beerdigungen. Dort konnten die Erinnerung an die Verstorbenen und der Dank für die gemeinsame Zeit ihren Platz finden – auch ohne öffentliches Gebet und christliche Symbolik.

Füreinander eintreten in Gebet und Versöhnung

An den Tagen um Allerheiligen und Allerseelen stellt sich für viele von uns, die einen lieben Angehörigen, Ehepartner, Freund oder gar ein eigenes Kind verloren haben, die Frage: Wie geht es ihm oder ihr? Ist er oder sie im Himmel gut aufgehoben, erlöst von Schmerzen und Leid?

Der Mensch, den wir im Tod verloren haben, bleibt uns im Herzen weiterhin nahe. Als gläubige Menschen dürfen wir unsere Verstorbenen getrost freigeben und sie Gottes guten Vaterhänden anvertrauen. Auch einen Menschen, der ohne Glauben gestorben ist, dürfen wir der unendlichen Barmherzigkeit Gottes anvertrauen.

Der Friedhof wird dann nicht nur ein Ort des Abschiednehmens und der Trauer, sondern kann mit der Zeit immer mehr zu einem Ort der liebevollen Erinnerung und der Verbundenheit mit dem Verstorbenen werden.

Gleichwohl erleben wir auch bei einem Menschen, den wir geliebt haben, eine innere Verstrickung, ein aneinander verhaftet Sein, das seine Zeit braucht, bis es sich lösen kann. Nicht alles ist im Leben ausgesöhnt. Manchmal sind wir im Streit verblieben oder es gab keine Gelegenheit mehr zu einer Aussprache. Umso schöner und versöhnlicher ist es, wenn ein solcher Schritt noch möglich war.

Und doch wünschen wir dem Verstorbenen, dass er „in Frieden ruhe“. Zugleich sehnen wir uns selbst nach einem Loslassen und Aufatmen, um nach der Zeit der Trauer wieder ins Leben zurückzufinden.

Damit stellt sich die drängende Frage nach dem Seelenheil unserer lieben Verstorbenen – und damit auch nach unserem eigenen Seelenfrieden: Wie finde ich einen guten Weg durch die Trauer zurück ins Leben „danach“, in innerer Versöhntheit mit mir selbst und mit meinem verstorbenen Angehörigen? Wie kann ich als gläubiger Mensch meine Verbundenheit mit ihm weiterpflegen und vor Gott für ihn eintreten?

Neben der Trauerfeier oder dem Sterbeamt tritt gerade an Allerheiligen und Allerseelen das fürbittende Gebet der Gemeinde beim Gottesdienst in den Vordergrund. Zugleich stellt sich die Frage nach dem Gebet beim Friedhofsbesuch und bei der Gräbersegnung, wenn Verstorbene keinen christlichen Abschied gewünscht haben oder sich selbst gar nicht als gläubig verstanden. Ihre Zahl wird auch auf unseren Friedhöfen größer.

Allerseelenablass für die Verstorbenen

Für den persönlichen Weg der Trauer und das Gebet für einen Verstorbenen, für den wir vor Gott eintreten möchten, bietet die Kirche in der Zeit um Allerheiligen und Allerseelen den sogenannten Allerseelenablass an. Dieser wird ausdrücklich den Verstorbenen zugedacht. Er ist Ausdruck der Hoffnung, dass Gottes Barmherzigkeit die Folgen der Sünde heilt und dass die Verbundenheit der Kirche die Grenze des Todes überschreitet.

Ein solcher Weg kann mit der Feier des Bußsakraments, der Mitfeier der heiligen Messe, dem Empfang der heiligen Kommunion und dem Gebet für die Verstorbenen verbunden sein, insbesondere beim Friedhofsbesuch. Im Mittelpunkt stehen dabei die eigene innere Umkehr und Bußgesinnung: die Haltung der Offenheit gegenüber Gott, der allein Sünden vergibt und das göttliche Leben schenkt.

So verstanden kann der Allerseelenablass zu einem Ausdruck christlicher Nächstenliebe und Fürbitte über die Schwelle des Todes hinaus werden. Wir geben einen Menschen, den wir geliebt haben, nicht einfach dem Vergessen preis, sondern tragen ihn im Gebet vor Gott.

Vielleicht liegt darin gerade für diejenigen, die keinen christlichen Abschied gewünscht haben, ein tröstlicher Gedanke: Wir müssen über den Glauben oder Unglauben eines Verstorbenen nicht das letzte Urteil sprechen. Das letzte Wort über einen Menschen liegt in Gottes Barmherzigkeit.

Versöhnung, solange noch Zeit ist

Von daher ergibt sich zugleich eine Einsicht, die uns schon zu Lebzeiten betrifft: Wir sollten uns immer wieder um Versöhnung mit unseren Mitmenschen bemühen – oder zumindest die eigene Offenheit dafür bewahren. Denn manches, was wir heute aufschieben, kann morgen nicht mehr ausgesprochen werden.

Allerseelen erinnert uns deshalb nicht nur an die Toten. Es erinnert uns auch daran, wie wir miteinander leben wollen, solange wir noch Zeit dazu haben: in der Bereitschaft zur Versöhnung, im Gebet füreinander und im Vertrauen darauf, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als unser menschliches Urteil.

Diakon Gerd Fehrenbach